Die Dritte Welt im 2. Weltkrieg – Ausstellung undVeranstaltungen vom 8. bis 14. April

Hervorgehoben

Flyer (pdf – 4,8 mb)

BOB CAMPUS Nachbarschaftsetage Max-Planck-Straße 19, Wuppertal-Wichlinghausen

Veranstaltungsreihe: 80 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus

Öffnungszeiten:

8.4.2025  10-13 Uhr sowie 14-18 Uhr

9.4.2025 – 12.4.2025 19:00 Uhr bis 22:00 Uhr

11.4.2025 10-13 Uhr sowie 14-17 Uhr

14.4.2025 19:00 Uhr bis 22:00 Uhr

Wir bieten auch Führungen für Schulen, Lerngruppen etc. an.
(Terminabsprache über info@wuppertaler-widerstand.de)

Veranstalter:innen: Verein zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal in Kooperation mit Arbeit und Leben Berg-Mark, Jappoo e.V , Dunua e.V., der GEW Wuppertal  und der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW.

Mit Unterstützung des kommunalen Förderprogramms „Gemeinsam im Quartier“, der Stiftung EVZ und der Stiftung „Orte der der deutschen Demokratiegeschichte“

https://nrw.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/9WXSM/die-dritte-welt-im-2-weltkrieg?fbclid=IwY2xjawJVCapleHRuA2FlbQIxMAABHRMyie-alMq4Uqf0dqeWEM0DqiZvn5NHtMINJlHDI1XK78JYy30HqkylSQ_aem_MykAx4zI0DlMSTbAHN01EA
Wusstet ihr schon?

Wusstet ihr schon, dass Europa vor 80 Jahren auch von marokkanischen, senegalesischen und 

brasilianischen Soldaten befreit wurde?

Wusstet ihr, dass im zweiten Weltkrieg über 30.000 Menschen als Kriegsgefangene und 

Zwangsarbeitende aus dem besetzten Europa und aus Nordafrika nach Wuppertal verschleppt wurden und unter elenden Bedingungen für Hitlers Krieg schuften mussten?

Kennt ihr den wichtigen Beitrag der Partisan*innen im Kampf gegen Nazideutschland und bei der Befreiung Europas?

Kennt ihr den Beitrag der Roma-Partisan*innen in der Jugoslawischen Befreiungsarmee?

Wir möchten die Geschichte des 2. Weltkrieges jetzt auch aus der Perspektive der afrikanischen und brasilianischen Soldaten, aus der Perspektive der griechischen und jugoslawischen, der Roma-Partisan*innen, der Kämpfer*innen der migrantischen Resistancegruppe FTP-Moi, ihrer armenischen, deutschen, jüdisch-polnischen und sogar kurdischen Kämpfer*innen und der Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen erzählen.

Schwerpunkt der Ausstellungs- und Veranstaltungsaktivitäten werden die Stadtquartiere Wichlinghausen, Oberbarmen und Heckinghausen sein. Mit unserem Angebot möchten wir gezielt

in diese Stadtteile hineinwirken. Hier leben seit vielen Jahrzehnten viele Migrant*innen, hier existieren migrantische Netzwerke, Netzwerke und Vereine, die von Menschen mit internationaler Familiengeschichte aufgebaut wurden.

Ein Teil dieser Communitys hat direkten biographischen Bezug zur Geschichte des 2. Weltkriegs, z.B. die griechischen Wuppertaler*innen, deren Familien zum großen Teil aus den Gebieten in Nordgriechenland stammen, in denen die deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung verübt und hunderte von Dörfern dem Erdboden gleichgemacht hat.

Die Wuppertaler*innen aus Nordafrika und aus Westafrika haben z.T. biographische Bezüge zu den Kolonialsoldaten, die auf Seiten Frankreichs gegen Nazi-Deutschland kämpften.

Auch die Wuppertaler Ukrainer*innen und Russ*innen, auch diejenigen aus der jüdischen Kultusgemeinde, haben in vielen Fällen eine (gemeinsame) Geschichte als Nachkommen von 

Rotarmist*innen, Zwangsarbeitenden und Kriegsgefangenen. 

Schließlich sind natürlich auch die leidvollen Familiengeschichten in den polnischen, italienischen, serbischen, albanischen und anderen migrantischen Familien zu würdigen,aber auch hier sind wir erst am Anfang einer erweiterten  internationalen Erinnerungsarbeit.

Möglicherweise ist die Ausstellung und die erstmalige öffentliche Würdigung der „ausländischen“ Soldaten und Partisan*innen eine kleine Chance endlich die migrantischen Wuppertaler*innen in die Erinnerungskultur bzw. in die „deutsche Geschichte“ einzubeziehen, die in Wahrheit (nicht nur in Bezug auf die NS- und Kriegszeit) immer schon eine Weltgeschichte ist.

Darüber hinaus möchten wir Schulklassen und andere Lerngruppen zum (geführten) Ausstellungsbesuch auf den BOB-Campus einladen.
Gerade in den „globalisierten Klassenzimmern“ unserer Stadt könnte die Ausstellung eine Ergänzung und Bereicherung des Schulunterrichts sein.

Zur Ausstellung:


Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Ein vergessenes Kapitel der Geschichte

Millionen Soldaten aus Afrika, Asien und Ozeanien haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft, um die Welt vom deutschen und italienischen Faschismus sowie vom japanischen Großmachtwahn zu befreien. Sowohl die faschistischen Achsenmächte als auch die Alliierten rekrutierten in ihren Kolonien Hilfstruppen und Hilfsarbeiter oftmals mit Gewalt. Hunderttausende Frauen waren Opfer sexueller Gewalt.

Rekruten aus denKolonien mussten sich mit weniger Sold, schlechteren Unterkünften und geringeren Kriegsrenten als ihre «weißen Kameraden» zufrieden geben. 

Weite Teile der Dritten Welt dienten auch als Schlachtfelder und blieben nach Kriegsende verwüstet und vermint zurück.

Doch so gravierend die Folgen des Zweiten Weltkriegs in der Dritten Welt auch waren, in der
hiesigen Geschichtsschreibung kommen sie nicht vor. Dies zu ändern ist das Ziel eines historischen Langzeitprojekts, mit dem das Rheinische JournalistInnenbüro in Köln im Jahre 1996 begann und das seit 2000 von dem gemeinnützigen Verein recherche international e.V. getragen wird. Auf der Basis von zehnjährigen Recherchen in 30 Ländern entstand 2005 das erste deutschsprachige Buch zum Thema (nachdem vier Auflagen des Verlags Assoziation A vergriffen sind) bietet die Bundeszentrale für politische Bildung seit Ende 2014 eine ungekürzte und preisgünstige Paperback- Ausgabe).

Die Ausstellung besteht aus vier geografischen Kapiteln (zu Afrika, Asien, Ozeanien und Südamerika & Karibik) sowie aus zwei thematischen (zu „Judenverfolgung außerhalb Europas“ und „Kollaboration“). An zehn Hörstationen berichten Zeitzeug:innen aus verschiedenen Kontinenten von ihren Kriegs-erfahrungen.

Wir zeigen in Wuppertal nur die „kleine Schwester“ der großen Ausstellung, die bis Anfang Juni 2025 in Gänze und mit großem Veranstaltungsprogramm im NS-DOK in Köln zu sehen ist. Wir danken recherche international e.V. , insbesondere Karl Rössel für eure jahrzehntelange Arbeit und für die Überlassung der Wanderausstellung.

Veranstaltungsreihe: 80 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus

9.4.2025 (Mittwoch)  19:00 Uhr BOB-Campus

Eröffnung mit den Historikern Cheikh Djibril Kane und Oliver Schulten 

Grußwort von Lamine Soumah, Vorstandvorsitzender Dunua e.V.

Musik von Etienne Eben

Afrikanisches Fingerfood

– Fataya (gefüllte Teigtasche mit Hackfleisch, Gemüse, Paprika und Zwiebeln) 
– Samoussa (gefüllt mit Hähnchenbrustfilet) 
– Platin (frittierte Kochbananen)

Zubereitet von Sophie Biaye von Soleil d’Afrique.

10.4.2025 (Donnerstag) 19:00 Uhr BOB-Campus


The Balkony – Memories of Occupation“ (Der Balkon – Wehrmachtsverbrechen in Griechenland) Deutsche Kriegsverbrechen und Partisanenwiderstand im Epirus / Nordgriechenland

Griechischer Dokumentarfilm von Chrysanthos Konstantinidis 

Einführung mit dem Historiker Stephan Stracke – Moderation Georgina Manfredi

Ligiades, ein Bergdorf im Norden Griechenlands in der Nähe des Ortes Ioannina, wird wegen seiner Aussicht „der Balkon von Ioannina“ genannt.
In Ligiades fand eines der furchtbarsten NS-Verbrechen während der deutschen Besatzung Griechenlands im II.Weltkrieg statt. Am 3. Oktober 1943 kamen die Soldaten der 1. Gebirgsdivision die engen Serpentinen hoch in das Dorf. Die deutschen Wehrmachtsoldaten wollten Rache nehmen für den von Partisanen getöteten Oberstleutnant Josef Salminger. An jenem Sonntag waren fast nur Kinder, Frauen und Greise im Ort, die Männer waren auf den Feldern. Die Soldaten töteten wahllos, unter den 82 Ermordeten befanden sich 34 Kinder und 37 Frauen. Das jüngste Opfer war zwei Monate alt, das älteste 100 Jahre. Anschließend plünderten die Soldaten das Dorf und zündeten die Häuser an. Der Rauch des brennenden Dorfs auf dem „Balkon“ war von weitem zu sehen und die Bewohner der umliegenden Orte wussten, was in Ligiades geschah. Die deutschen Besatzer setzten ein mörderisches Zeichen, um den Widerstand der griechischen Bevölkerung zu brechen.

11.4.2025 (Freitag) 20:00 Uhr BOB-Campus

FTP-Moi „Weder Arbeit, noch Familie, noch Vaterland“ (Filmvorführung)

Die Überlebenden der „35. FTP-MOI-Brigade“ (Francs-Tireurs et Partisans-Main d’oeuvre 

Immigrée) aus Toulouse berichten über die Résistance.

Sie waren Gymnasiasten, Studenten, Bauernsöhne, Arbeiter. Unter ihnen waren Juden, Ausländer und Kommunisten. Einige wurden in Frankreich geboren, andere in Polen, Ungarn, Rumänien, Italien, Spanien oder Brasilien. Im Jahr 1939 kannten sie sich noch nicht. 1943 bewaffneten sie sich in Toulouse gegen die Nazi-Besatzung und das Vichy-Regime. Hier erzählen sie ihre Geschichte.


12.4.2025 (Samstag) 16:00 Uhr Treffpunkt Bahnhof Wichlinghausen

Über den Kampf der Zwangsarbeiter*innen und Widerstandskämpfer*innen in Wichlinghausen.

Stadtteilspaziergang durch Wichlinghausen anschl. Besuch der Ausstellung im BOB-Campus.

(mit dem Historiker Stephan Stracke)


12.4.2025 BOB-Campus 19:00 Uhr

Tage des Ruhms (Indigènes) (Filmvorführung)

1943. In Europa tobt der 2. Weltkrieg. Vier junge Algerier ziehen in den Krieg um Frankreich von der Besatzung durch die Nazis zu befreien. Zusammen mit über 200.000 Kolonial-Truppen riskieren sie ihr Leben für ein Land, das sie nie gesehen haben. Die epische Reise führt Messaoud, Said, Abdelkader und Yassir von Afrika nach Italien, wo sie in den verlustreichen Schlachten von Monte Cassino ihre Feuerprobe bestehen müssen. Im Rahmen der Operation Dragoon landen sie anschließend in der Provence und befreien Marseille. Doch in den eigenen Reihen werden sie immer wieder diskriminiert und gedemütigt. Und so kämpfen die vergessenen Helden nicht nur für ein freies Europa, sondern auch für die eigene Anerkennung, Gleichbehandlung und Respekt. Im Elsass kommt es zum finalen Gefecht mit der Wehrmacht.

14.4.2025 17:00 Uhr Haupteingang Friedhof Varresbeck: Gedenkfeier zum 80. Todestag von 

Ahmed Ben M´Hamed, Kriegsgefangener aus Marokko.

Ahmed Ben M´Hamed starb am 14.4.1945, zwei Tage vor der Befreiung Wuppertals, im Lager Giebel. 

Stellvertretend für weitere maghrebinische Kriegsgefangene, die in Wuppertal zur Arbeit gezwungen wurden und verstarben, möchten wir, 

gerne in Zusammenarbeit mit marokkanischen Vereinen ein Gedenkzeichen einweihen.



14.4.2025 19:00 Uhr BOB-Campus

Die vergessenen Befreier aus Marokko und dem Senegal

Unsichtbare und vergessene Geschichten aus dem 2.Weltkrieg.

Veranstaltung mit:

Karima Benbrahim (Düsseldorf): Maghrebinische Soldaten und Zwangsarbeiter*innen

Cheikh Djibril Kane (Wuppertal): Kolonialsoldaten aus dem Senegal

Grußwort: Helge Lindh (Wuppertal) MdB, kulturpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion

Karima Benbrahim ist Diplompädagogin und Konflikt Mediatorin. Sie leitet das „Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen“ (IDA-NRW) mit Sitz in Düsseldorf. Sie ist Mitautorin von: Belyouaou, Mariam/Benbrahim, Karima (2023): In(visible) Stories. Maghrebinische Zwangsarbeiter*innen in der NS-Zeit.

Cheikh Djibril Kane ist Historiker und Aktivist aus Wuppertal, der sich seit über 20 Jahren in der Demokratie- und Integrationsförderung engagiert. Als Vorsitzender des Jappoo e.V. und Vorstandsmitglied der ADAGE (Afrikanische Deutsche Gemeinschaft e.V.) setzt er sich für die Sichtbarmachung der afrikanischen Diaspora und die Förderung interkulturellen Dialogs in Deutschland ein. Seine Forschungsarbeit konzentriert sich auf Kolonialsoldaten aus dem Senegal im Ersten Weltkrieg, inspiriert durch das Engagement seines Urgroßvaters, der auf französischer Seite kämpfte.

16.4.1945 – Wuppertaler Befreiungstag

80 Jahre Hitler kaputt! 80 Jahre Befreiung vom Faschismus!
Dank an die alliierten Soldaten und Partisan*innen aus aller Welt!

9:00 Uhr Rathaus Barmen

Abfahrt Bustour zu den Wuppertaler Erinnerungsorten der NS-Zeit mit den Angehörigen der 

Widerstandskämpfer*innen und NS-Verfolgten

13:00 Uhr Färberei Gemeinsames Mittagessen

15:00 Uhr Empfang im Rathaus Barmen

16.4.2025 ab 19:00 Uhr Färberei

Wuppertaler Befreiungsfest

Es sprechen:


Prof. Heinz Sünker, Bergische Universität Wuppertal

Prof. Robert F. Teitel (Washington / USA) Holocaust-Überlebender

Miman Jasarovski: Mein Opa der Partisan. Roma in der jugoslawischen Partisan*innenarmee

Cheikh Djibril Kane: Die vergessenen Befreier aus Marokko und dem Senegal

Hilde Vivijs, Tochter des belgischen Widerstandskämpfers Louis Vivijs (Widerstandsgruppe De Zwarte Hand)



Konzert mit:

Orfeas

Clørix

Microphone Mafia


Unser 8. Mai ist der 16. April 1945!


„Wir wurden am 16. April in der Fabrik erobert, wie wir uns über die Befreiung gefreut haben, das können Sie sich nicht vorstellen. Alle Franzosen, Italiener, Russen, Ukrainer, alle küssten sich, umarmten sich, weil wir frei waren. Dann brachten uns die Amerikaner in allgemeine Kasernen, sie begannen uns aufzupäppeln, sie verteilten uns auf Dörfer, um uns leichter abzufüttern, dann schickten sie uns in die Heimat.“

Am 15/16. April 1945 befreiten Soldaten der 78. und 8. Infantry-Division der US-Army Wuppertal. Kurz nach der Befreiung strömten sowjetische und französische Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen aller Nationen aus den Fabriken und Lagern in die Innenstädte, feierten ihre Befreiung und eigneten sich in Lebensmittelgeschäften und Kaufhäusern Waren an. Höhepunkt der Feiern war sicher die Besetzung des Wuppertaler Polizeipräsidiums durch Zwangsarbeiter:innen. Spontan besetzten sie die Büros der Gestapo und warfen Akten aus den Fenstern. Das Präsidium war für ZwangsarbeiterInnen und politische GegnerInnen des Nationalsozialismus ein Ort des Schreckens.Im Polizeipräsidium wurden zahllose Menschen festgehalten, gedemütigt, gefoltert und totgeschlagen. Aus dem Polizeipräsidium wurden noch kurz vor Kriegsende Zwangsarbeiter:innen und politische Gefangene zu Hinrichtungsorten der Wuppertaler Gestapo geführt.

Staf Vivijs, damals 20 Jahre alt und ein Überlebender der belgischen Widerstandsgruppe Zwarte Hand, schrieb 1985 in seinen Erinnerungen zu seiner Haftzeit im Gefängnis Bendahl:
„Es ist schwer zu sagen, was mich in Wuppertal am schlimmsten gequält hat. Die Einsamkeit, die Sehnsucht, der Hunger, die Abstumpfung, die Demütigungen der Schließer, ihre Betrügereien, die Bestrafung von tatsächlichen oder vermeintlichen Vergehen oder der Hass in den Augen dieser Übermenschen! Oder war es manchmal das monotone Knirschen jener Schwebebahn, die den nördlichen und südlichen Teil der kilometerlangen Stadt über der Wupper verbindet und die mich jeden Morgen früh durch das düstere Geräusch aus dem alles vergessenden Schlaf weckte? Die Antwort muss ich hier schuldig bleiben.“

Dortmund: Auch nach 20 Jahren – Kein Vergeben, kein Vergessen

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Antifaschistische Demonstration in Erinnerung an Thomas »Schmuddel« Schulz und allen Opfern rechter Gewalt am 29.03.2025 in Dortmund

Aufruf zur antifaschistischen Demonstration gegen rechte Gewalt in Erinnerung an Thomas »Schmuddel« Schulz

Am 28. März 2025 jährt sich der Mord an Thomas Schulz zum 20. Mal. Diesen Jahrestag wollen wir zum Anlass nehmen, um nach längerer Zeit wieder mit einer Demonstration in Dortmund an die Tat zu erinnern und die Kontinuitäten rechter Gewalt zu benennen. Denn zum einen verblasst nach zwei Jahrzehnten das öffentliche Bewusstsein für die Tat zusehends, zum anderen ist gegenwärtig auch kein Ende rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Sicht.

Ein Blick zurück
Um kurz nach 19.00 Uhr traf der damals 17-jährige Neonazi Sven Kahlin an der U-Bahn-Station »Kampstraße« auf eine Gruppe Punks, die auf dem Weg zu einem Konzert waren. Nach einem Wortgefecht wollte einer von ihnen, Thomas Schulz, der von seinen damaligen Freund*innen »Schmuddel« genannt wurde, die rechten Beleidigungen Kahlins nicht unkommentiert lassen und folgte ihm die Rolltreppe hinunter auf das U-Bahn-Gleis. Dort zog der Neonazi plötzlich ein Messer und stach es Thomas mit erheblicher Wucht ins Herz. Thomas Schulz starb wenig später im Alter von 31 Jahren im Krankenhaus und hinterließ eine Familie.

Es bedurfte damals keiner aufwendigen Recherchen, um einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Mord an Thomas Schulz und der Ideologie des Täters herzustellen. Sven Kahlin war Mitglied in der damals noch aktiven »Skinhead-Front Dortmund-Dorstfeld«, machte aus seinem neonazististischen Weltbild keinen Hehl und war bereits vor der Tat mit Angriffen auf Punks in Erscheinung getreten. Dennoch konnte das Gericht im anschließenden Strafprozess keine politische Gesinnung hinter dem tödlichen Messerstich erkennen, der dieserart zu einem aus dem Ruder gelaufenen Streit verharmlost wurde. Nach einigen Jahren Strafhaft wurde Sven Kahlin schließlich wegen einer angeblich »günstigen Sozialprognose« vorzeitig entlassen und prügelte sich danach weiter durch Dortmund: Erst beteiligte er sich 2010 an einem Überfall der »Skinhead-Front« auf die linke Kneipe »Hirsch-Q«, ein Jahr später schlug er einen türkischen Jugendlichen zusammen – auch hier vermochte das Gericht keine rassistische Motivation zu erkennen. Kahlin zeigte sich zwischenzeitlich in einem T-Shirt mit der unmissverständlichen Aufschrift »Ich bereue nichts«.

Die Schilderungen stehen sinnbildlich für den fatalen Umgang der Justiz mit rechter Gewalt in Dortmund, die den Neonazis damals einen regelrechten Freifahrtschein ausstellte. Polizei und Stadtverwaltung standen dem kaum nach: Das massive Nazi-Problem der 2000er Jahre wurde ignoriert und verharmlost – ein Verhalten, das maßgeblich zur Verfestigung neonazistischer Strukturen in Dortmund beitrug. So waren es ab dem Jahr 2005 vor allem Antifa-Gruppen, die das Problem ernst nahmen und sich den Neonazis in den Weg stellten. Kurz nach dem Mord an Thomas Schulz demonstrierten rund 4.000 Antifaschist*innen in Dortmund. Bis zum Jahr 2015 organisierten Antifa-Gruppen jährlich zum Todestag eine antifaschistische Gedenkdemonstration.

Erst im vergangenen Jahr, also 19 Jahre später, wurde der Mord im Rahmen einer Neubewertung durch die Strafverfolgungsbehörden als politisch motivierte Tat eingestuft und Thomas Schulz auch offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Auch wenn damit endlich eine der Forderungen der jährlichen »Schmuddel-Demo« erfüllt wurde, kommt dies viel zu spät und ändert letztlich nichts an der skandalösen Geschichte des Umgangs mit rechter Gewalt in Dortmund.

Dortmund, eine Zentrale des Neonazismus
Es verging etwas über ein Jahr nach dem Tod von Thomas Schulz, bis in Dortmund wieder ein Mensch von Neonazis ermordet wurde: Am 04. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße von Mitgliedern des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) erschossen. Diese Tat entpuppte sich erst als rassistisch motivierte Hinrichtung, als der NSU sich selbst enttarnte. Obwohl seine hinterbliebenen Familienangehörigen diesem Verdacht folgend noch im selben Jahr der Ermordung in Dortmund eine Demonstration mit der Forderung »Kein 10. Opfer« organisierten. Selbstkritisch müssen wir einräumen, dass auch wir diese rechte Mordserie nicht als solche erkannt haben, genauso wenig wie die Ermittlungsbehörden. Es ist erstaunlich, dass sie trotz eines Hinweises einer Zeugin auf Neonazis auch im Dortmunder Fall das Motiv nur im näheren Umfeld des Opfers suchten – ein Indiz für die Wirkung von strukturellem Rassismus in Behörden. Dabei drangsalierten sie Mehmet Kubaşıks Familie und unterstellten ihm vermeintliche Kontakte in kriminelle Milieus.

Ein Motiv hätte man in der Dortmunder Neonazi-Szene leichter finden können, da es tatsächlich enge Verbindungen zu den Tätern des NSU gab. Für eine Unterstützung des NSU vor Ort spricht neben einer von Neonazis frequentierten Kneipe in der Nähe des Kiosks, dass sich Neonazis aus dem Umfeld der Dortmunder RechtsRock-Band »Oidoxie« als »Combat 18«-Zelle im rechtsterroristischen »Blood and Honour«-Netzwerk organisierten. Auch Stephan Ernst, der Mörder von Walter Lübcke, war im Jahr 2009 in Dortmund zu Gast und attackierte zusammen mit anderen Neonazis eine 1. Mai-Demonstration des DGB.

Spätestens seit dem Beginn dieses Jahrtausends wissen wir: Die Dortmunder Neonazis sind nicht nur organisatorisch und ideologisch eng mit rechten Mördern verbunden, sondern sie üben auch selbst regelmäßig Gewalt aus – ganz im Sinne ihrer Ideologie. Der Mord an Thomas Schulz war letztlich die Folge des Versuchs, die eigenen Machtphantasien als »Nationaler Widerstand Dortmund« brutal in die Tat umzusetzen.

Kontinuitäten und Wandlungen
Die Täter*innen von damals, die in den Jahren 2000 bis 2009 noch als »Autonome Nationalisten« an gewalttätigen Übergriffen beteiligt waren und den Mord an Thomas Schulz verherrlichten, waren später als Parteifunktionär*innen in der Partei »Die Rechte« (nach der Fusionierung mit der NPD als »Die Heimat«) aktiv. Und auch als solche übten sie Gewalt aus und trugen mit der Organisation des »Kampf der Nibelungen« zur weiteren Etablierung einer rechten Kampfsportpraxis bei. Doch in den vergangenen Jahren durchlief der organisierte Neonazismus in Dortmund einige große Veränderungen. Die wohl spektakulärste ist der Wegzug mehrerer langjähriger Führungsfiguren in ostdeutsche Bundesländer, die für sich keine politische Perspektive mehr im Ruhrgebiet sahen. Auch die strafrechtliche Verfolgung und Verurteilung von rechten Gewalttätern wie dem untergetauchten Steven Feldmann, der sich zugleich als Straßenschläger und Social-Media-Star der Szene versucht hatte, hat die örtliche Neonazi-Szene verändert. Die personellen Lücken sind seither eindrücklich bemerkbar und schlagen sich in einem deutlich geringeren Aktionsniveau und verminderter Handlungsfähigkeit nieder.

Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Dortmund über Jahre hinweg ein zentraler Schwerpunkt rechter Gewalt war, dessen Akteur*innen sich nach wie vor hier bewegen und über aktive Strukturen verfügen – auch wenn sie ihre Handlungsfähigkeit eingebüßt haben. Insofern sind Einschätzungen, die Dortmunder Szene sei zerschlagen, wie es jüngst noch einmal der Dortmunder Polizeipräsident bekräftigte, wohl eher dem halbgaren Blick aus strafrechtlicher Perspektive geschuldet als einer tatsächlichen Analyse neonazistischer Organisation in Dortmund. Vergessen wir nicht: Ähnliche verbale Kraftmeiereien haben sich bisher immer als Trugschluss erwiesen.

Umgekehrt bleibt die Behauptung des Neonazis Sven Skoda auf einer Kundgebung Ende letzten Jahres in Dorstfeld vor nur ein paar Dutzend Kamerad*innen, »das Revier« sei durch den Nachwuchs »gewachsen«, offensichtlich Wunschdenken. Doch die neuerliche Beteiligung einiger rechtsaffiner Jugendlichen in der Szene lässt bei den Dortmunder Neonazis und ihrem neuen Wortführer Skoda offenbar wieder Hoffnung aufkeimen. Tatsächlich sind in Dortmund in den vergangenen Monaten einige jüngere Neonazis aufgefallen, die gemeinsam rechte Aufkleber klebten oder unter eigentümlichen Bezeichnungen wie »Deutscher Störtrupp« versuchten, CSD-Veranstaltungen im Ruhrgebiet zu stören. Auch wenn die Dortmunder Neonazis in den vergangenen Jahren immer wieder rechte Jugendcliquen angezogen haben, darf bezweifelt werden, dass sich mit den teilweise Minderjährigen nun eine neue Kameradschaftsszene aufbauen lässt.

Von den Basenballschlägerjahren zum Rechtsruck?
Gleichwohl sind die Nazi-Kids Ausdruck einer bestehenden Attraktivität rechter Ideologien für Jugendliche. In den vergangenen Jahren ist durchaus bundesweit zu beobachten, dass sich jüngere Neonazis in neuen Gruppierungen wie der »Elblandrevolte«, der »Nationalrevolutionären Jugend« oder der »Division MOL« formieren und Gewalt ausüben. Auffällig ist, dass sich einige dieser Jugendlichen wieder am subkulturellen Habitus der Neonaziszene der 1990er Jahre orientieren und sich mit Springerstiefeln und Bomberjacke kleiden. Dies ruft Erinnerungen an die mittlerweile als »Baseballschlägerjahre« bezeichneten Eskalationen rechter Gewalt in diesem Jahrzehnt wach, die zahlreiche Todesopfer forderten. Offenbar imitieren die Nachwuchs-Neonazis ihre Elterngeneration, wenn sie sich nun aktiv an Übergriffen beteiligen – entweder um kameradschaftliche Anerkennung zu erlangen oder schlicht aus ideologischer Überzeugung.

Auch, wenn die rechte Gewalt aktuell nicht das Niveau der neunziger Jahre erreicht hat, bricht sie spätestens seit dem Jahr 2015 wieder verstärkt aus. Neben unzähligen Angriffen auf Migrant*innen und Linke haben dies insbesondere die rassistischen Mobbildungen in Sachsen, die in den Ausschreitungen in Chemnitz gipfelten, der Mord an Walter Lübcke, der antisemitische Anschlag auf die Synagoge in Halle und der rassistische Anschlag in Hanau verdeutlicht. Hinzu kommen immer wieder neue Enthüllungen über rechte Netzwerke, die sich bewaffnen und Umsturzfantasien hegen. Neben der Gewalt von Neonazis ist auch in unorganisierten rechten Milieus eine Radikalisierung zu beobachten, die den Schritt zur Gewaltausübung immer kürzer werden lässt.

Als ein Faktor dafür muss die Veränderung der politischen Kultur der letzten Jahre benannt werden, die vor allem durch die zunehmende Präsenz der »Alternative für Deutschland« bestimmt wird, die die Normalisierung ihrer rassistischen und nationalistischen Ideologie vorantreibt. Ob der Begriff des »Rechtsrucks« dafür angemessen ist, bleibt fraglich. Denn dann müsste man davon ausgehen, dass die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten weniger rechts geprägt war. Deswegen lässt sich besser von rechten Kontinuitäten sprechen. Zumindest aber haben die AfD und ihre Vorfeldorganisationen in den letzten Jahren ein Klima geschaffen, in dem sich rechte Gewalt immer weniger verstecken muss. Es ist auch die Rhetorik der Partei, die der alltäglichen Gewalt gegenüber Migrant*innen, Geflüchteten, queeren Menschen und allen, die als »anders« markiert werden, weiter die Tür öffnet.

Die AfD ist zwar nicht die neue NPD, aber es gelingt ihr, einen relevanten Teil der Bevölkerung mit rechten Einstellungen hinter sich zu versammeln, die die AfD übrigens nicht wider besseres Wissen, sondern aus Überzeugung und autoritärem Ressentiment wählen. Die noch existierenden neonazistischen Splitterparteien blicken daher gleichsam neidvoll und wütend auf die AfD. Allerdings scheint es für eine rechte Wählerschaft leichter zu sein, eine Partei zu wählen, die mit bizarren Formulierungen eine Distanz zum Nationalsozialismus vorgibt, als einen Nazi-Kandidaten zu wählen, der Hitler stolz auf die Wade tätowiert hat. Allerdings können Unvereinbarkeitslisten und andere Feigenblätter nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auch in AfD-Kreisen rechte Gewalttäter*innen tummeln, sei es als Mitarbeiter*innen von Abgeordneten oder gleich in militanten Vereinigungen wie den »Sächsischen Separatisten«.

Wider die Verharmlosung rechter Gewalt
Das Muster solcher und ähnlicher Gruppierungen beruht auf einer geradezu apokalyptischen Wahrnehmung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse: Rechte Buzzwords wie »Großer Austausch« oder »Volkstod« deuten darauf hin, dass die extreme Rechte den vermeintlich fremdbestimmten Untergang der »deutschen Kultur« kommen sieht, der nur noch mit Gewalt aufgehalten werden kann. Der rechte Hass auf Liberalisierung entlädt sich dann an denjenigen, die im rassistischen und antisemitischen Weltbild dafür verantwortlich gemacht werden, seien es Migrant*innen, Jüd*innen oder Politiker*innen. Diese Erzählung findet sich auch durchgängig in den Pamphleten rechter Terrorist*innen. Neonazis und rechte Netzwerke leiten aus dieser Ideologie die Vorstellung einer Art Bürgerkrieg ab, der – ausgelöst durch einen »Tag X« – das politische System destabilisieren soll, um sich selbst als Ordnungsmacht zu inszenieren und so Einfluss zu gewinnen. Dennoch scheinen nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft bei Gewalttaten oder der Aufdeckung rechtsterroristischer Gruppierungen immer wieder davon überrascht zu sein, dass Neonazis ihre Gewalt- und Vernichtungsvorstellungen auch in die Tat umsetzen wollen.

Dieser Zustand ist auch Folge einer jahrelangen Verharmlosung und Leugnung rechter Gewalt. Die Taten werden entpolitisiert, indem entweder der rechte Hintergrund ignoriert wird oder reflexartig Vergleiche mit linker Gewalt gezogen werden, die auf eine Relativierung hinauslaufen. Dies führt auch dazu, dass die Situation und die Ängste von Betroffenen nicht ernstgenommen werden und ihre Perspektive nicht in die Bewertung rechter Gewalt einfließt. Der alltägliche Antisemitismus und Rassismus, dem die Betroffenen ausgesetzt sind, wird daher kaum registriert, so dass offenbar immer erst schwere Gewalttaten der Auslöser für eine halbherzige Auseinandersetzung mit rassistischen und antisemitischen Verhältnissen sein müssen. So ist es nicht verwunderlich, dass nach immer wiederkehrenden Gewalttaten und Anschlägen zwar ein kurzes Aufbegehren zu spüren ist, aber kaum Konsequenzen gezogen werden.

Im besten Fall wird rechte Gewalt als »unverzeihlich« und »nicht tolerierbar« deklariert, eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, die diese Gewalt erst ermöglichen, findet in der Praxis jedoch nicht statt. Zivilgesellschaftliche Akteur*innen stehen dieser Herangehensweise oft nur in wenig nach – in dem rechte Gewalt allein als Gefahr für die Demokratie betrachtet wird und sich in einem gemeinsamen »Nie Wieder« eingeschworen wird.

What’s left?
Insofern muss eine antifaschistische und kritische Auseinandersetzung mit rechter Gewalt immer auch deren Entstehungsbedingungen reflektieren, die mit den Verhältnissen in kapitalistischen Gesellschaften zusammenhängen. In diesen ist das Leben der meisten Mensche von Erfahrungen der Entfremdung, Konkurrenz, Ohnmacht, Vereinzelung und Widersprüchlichkeit geprägt. Deren Verarbeitung fällt umso regressiver aus, je stärker autoritäre Dispositionen ausgeprägt sind. Rechte Ideologien bieten hier vermeintliche Orientierung und Erklärungsmuster, die mit rassistischen und antisemitischen Feindbildern sowie der Vorstellung einer homogenen, bedrohten Gemeinschaft operieren. Hinzu kommen Männlichkeitskult und Verschwörungsphantasien. Der Akt der Gewalt manifestiert den Prozess der Ausgrenzung des Anderen und schafft eine als überlegen empfundene Identität. Betroffene von rechter Gewalt werden von den Täter*innen somit entindividualisiert und zu Objekten der eigenen Projektionen und unterdrückten Bedürfnisse gemacht.

Damit soll nicht behauptet werden, dass Neonazis einfach ein zwangsläufiges Ergebnis einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft sind – es ist schließlich eine persönliche Entscheidung, sich einer solchen Ideologie anzuschließen. Aber der Kapitalismus trägt durch seine strukturellen Ungleichheiten und sozialen Spannungen zur Entstehung eben dieser Gewalt bei, weil die Mechanismen von rassistischer und antisemitischer Abwertung sowie rechter Gewalt eng mit den gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden sind. Gleichzeitig ist rechte Gewalt keine beliebige Reaktion darauf, sondern wird von den Täter*innen bewusst eingesetzt, um eigene ideologische Vorstellungen umzusetzen und Angst zu erzeugen. Dennoch werden rechtsmotivierte Übergriffe in der Regel nicht als Teil eines größeren gesellschaftlichen Problems, sondern als isolierte Einzelschicksale wahrgenommen. Neonazistische Gewalt kann jedoch nicht gestoppt werden, ohne die Verhältnisse zu benennen und abzuschaffen, in denen die (gewalttätige) Ausgrenzung von Menschen immer wieder Konjunktur hat.

Bei aller Relevanz ideologiekritischer Analysen haben diese natürlich keinen Einfluss auf die Folgen für die Betroffenen, die unter der Gewalt leiden. Antifaschistische Kritik darf sich deshalb nicht nur auf die Auseinandersetzung mit den Täter*innen fokussieren, sondern muss auch die Perspektive der Betroffenen einbeziehen. In diesem Sinne sind in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen und Projekte entstanden, in denen sich Betroffene von rechtem Terror organisiert und ihre Forderungen öffentlich gemacht haben. Dennoch bleiben diese oft unerfüllt oder ungehört – wie beispielsweise der Wunsch der Hinterbliebenen der NSU-Morde nach einer lückenlosen Aufklärung der Taten und entsprechenden Konsequenzen.

Deshalb ist die Erinnerung an rechte Morde wie den an Thomas Schulz weiterhin von Bedeutung, nicht um Nostalgie oder Mythenbildung willen, sondern um die Kontinuität rechter Gewalt aufzuzeigen und diese in den Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse zu stellen. Ein breites Gedenken ist aber nicht um jeden Preis zu haben: Waren bereits vor dem 7. Oktober 2023 auf Gedenkdemonstrationen zum rassistischen Anschlag von Hanau schon Parolen wie »Von Hanau bis nach Gaza – Yallah Intifada« zu hören, so sind nach dem Massaker der »Hamas« die Dämme des Antisemitismus vollends gebrochen. Seitdem gehen linke Gruppierungen auf die Straße, die die eigene Verklärung des islamistischen Terrors als Kampf gegen Rassismus verkaufen und sich nicht scheuen, das Gedenken an die Opfer rechten Terrors in den Wunsch nach der Vernichtung Israels einzubetten. An vielen Stellen und in linken Bewegungen haben sich anschließend tiefe Gräben aufgetan. Diese Gräben können allerdings für die gute Sache nicht einfach zugeschüttet werden. Die kritische Auseinandersetzung mit rechter Gewalt bedeutet für uns daher auch, deutlich gegen den gegenwärtigen antisemitischen Furor und dessen Apologet*innen Stellung zu beziehen sowie islamistische Gewalt zu thematisieren.

#twentyyearslater
Wir wollen auf die beschriebene Kontinuität und akute Gefahr rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt aufmerksam machen. Deshalb wollen wir – 20 Jahre nach dem Mord an Thomas Schulz – am 29. März 2025 in Dortmund demonstrieren. Wir wollen an diesem Tag nicht nur an Thomas Schulz erinnern, sondern auch an alle, die dieser rechten Gewalt zum Opfer gefallen sind. Die Erinnerung an Thomas Schulz’ Tod ist für die Dortmunder Antifa-Gruppen nach wie vor ein wichtiger Teil der Gedenkpolitik. In der breiten Öffentlichkeit droht diese Erinnerung jedoch zu verblassen. So gibt es auch nach 20 Jahren an der »Kampstraße« immer noch keinen visuellen Hinweis, der an den Tod von Thomas Schulz erinnert. Obwohl Lokalpolitiker*innen versprochen hatten, eine Gedenktafel anzubringen, waren es letztlich immer wieder Antifaschist*innen, die über viele Jahre hinweg zum Todestag eine temporäre Gedenktafel anbrachten. Die Dortmunder Verkehrsbetriebe entfernten diese jedoch stets nach kurzer Zeit wieder.

Umso wichtiger ist es, die Tat wieder ins Bewusstsein zu rücken. Wir sind der Auffassung, dass es dazu notwendig ist, den Todestag auch in diesem Jahr wieder mit einer Demonstration zu besetzen. Wie schon bei den bisherigen »Schmuddel«-Demos wollen wir damit unsere Kritik an Rassismus, Antisemitismus und der Verharmlosung rechter Gewalt sowie unsere Solidarität mit den Betroffenen lautstark in die Öffentlichkeit tragen.

Kommt also am 29. März (wieder) nach Dortmund und geht mit uns auf die Straße, wenn es heißt: Kein Vergeben und kein Vergessen!

dortmund.noblogs.org

Trauerkundgebung zum 1. Jahrestag des Brandanschlags in der Grünewalder Straße in Solingen

Hervorgehoben

Adalet! Wir fordern Gerechtigkeit und umfassende Aufklärung!

Trauerkundgebung zum 1. Jahrestag des Brandanschlags in der Grünewalder
Straße

25. März 2025 17:30 Uhr vor dem Haus Grünewalder Straße 69 in
Solingen-Höhscheid

Im Anschluss möchten wir gemeinsam zum Neumarkt gehen.

Um 15:00 Uhr findet (ebenfalls vor dem Haus) ein Totengedenken mit den
betroffenen Familien statt.

Wir möchten um die Ermordeten trauern:

Kancho Emilov Zhilov (geb. 22.11.1994)
Katya Todorovo Zhilova (geb. 19.09.1995)
Galia Kancheva Zhilova (geb. 14.04.2021)
Emily Kancheva Zhilova (geb. 25.10.2023)


Aufruf

Am 25. März 2025 jährt sich der fürchterliche Brandanschlag auf das Haus
in der Grünewalder Straße 69 in Solingen-Höhscheid. In dem Feuer starb
ein türkisch-bulgarisches Ehepaar, Kancho Emilov Zhilov, sowie Katya
Todorovo Zhilova und ihre beiden Töchter, Galia Kancheva Zhilova (3
Jahre) und Emily Kancheva Zhilova (1 Jahr). Dutzende weitere
Bewohner*innen mit Migrationsgeschichte erlitten schwere Verletzungen
und Traumatisierungen.

Viele Menschen, nicht nur in Solingen, hat diese Tat sofort an den
Brandanschlag von 1993 erinnert. Dennoch schloss die Wuppertaler
Staatsanwaltschaft nach nur einem Tag ein rechtsextremes Motiv aus, es
gäbe keine „Anhaltspunkte“ für ein fremdenfeindliches Motiv, hieß es.
Vor einem Jahr schrieben wir: „Das sehen wir nach den Erfahrungen mit
dem mörderischen Brandanschlag von Solingen 1993, nach den NSU-Morden,
nach Hanau und Halle anders.
Die aktuell laufende rassistische Mobilisierung erinnert – nicht nur uns
– an die gesellschaftliche Stimmung der 90iger Jahre vor Rostock, Mölln
und Solingen. Und wir sehen bei der aktuellen Hetze gegen Migrant*innen
und Geflüchteten leider zahlreiche „Anhaltspunkte“ für eine rassistische
Gewalttat.“

Das sehen wir nach einem Jahr noch genauso. Zumal erst letzte Woche,
kurz vor Prozessende auf Betreiben der Anwältin der Nebenklage die
Existenz einer Festplatte mit nazistischen und rassistischen Inhalten
öffentlich bekannt wurde, die möglicherweise dem Angeklagten zugeordnet
werden kann.
Außerdem fanden die Ermittler, laut ND vom 13.3.2025, einen »Chat
zwischen dem Tatverdächtigen und seiner Lebensgefährtin. In dem Chat
beklagte sich der geständige Täter, er habe in der Silvesternacht wegen
der »Kanaken« keinen Parkplatz bekommen und »hoffte, dass ein
»Polen-Böller« unter ihnen »etwas mehr Schaden anrichtet«.

Wir erwarten, dass diesen neuen Spuren nachgegangen wird.

Wir fordern daher zusammen mit den Angehörigen eine umfassende und
lückenlose Aufklärung des Verbrechens. Die Angehörigen möchten wissen,
warum ihre Liebsten ermordet wurden.

Wir fordern Adalet (Gerechtigkeit)!

Lassen wir die betroffenen Familien nicht allein.

Besucht den Prozess am Landgericht Wuppertal

Unutturmayacağız!

Niemand ist vergessen!

Kommt alle!

Es rufen auf:
Türkischer Volksverein Solingen und Umgebung e.V.
Kein Platz für Nazis Wuppertal
Herkesin Meydanı – Platz für Alle (Köln)
VVN-BdA Solingen
NSU-Watch NRW
Die Linke Solingen
Solinger Appell

Kontakt: erinnern-heisst-handeln@web.de